Leben aus dem höheren Selbst: das integrale Bewusstsein

Der Begriff „integrales Bewusstsein“ wurde von dem schweizerischen Philosophen und Bewusstseinsforscher Jean Gebser (1905 – 73) geprägt. Er befasste sich mit der kulturhistorischen Evolution des Menschen im Gegensatz zu der hier dargestellten naturhistorischen Evolution des Menschen. Er unterschied dabei vier aufeinander folgende  Bewusstseinsstufen: das archaische, magische, mythische und mentale Bewusstsein. Gegenwärtig – so seine Argumentation – ereignet sich „der Durchbruch einer neuen integralen Bewusstseinsstufe, deren Grundthema die Überwindung des nur mentalen Verhaftetseins an Raum und Zeit ... ist.“

Diese Überwindung ist auch ein Grundthema des amerikanischen Bewusstseinsforschers Ken Wilber, einem renommierten Vertreter des integralen Denkens. Wilber geht von dem Strukturgesetz der Evolution aus, Einzelteile zu einem Ganzen zu integrieren, das wiederum zum Einzelteil eines größeren Ganzen wird – usw. Wie Elementarteilchen Atome, so bilden Atome Moleküle, Moleküle einfache Zellen, einfache Zellen komplexe Zellen, komplexe Zellen Organe, Organe Organismen. Diese Tendenz der Natur hierarchische Ganzheiten höherer Ordnung aufzubauen und damit Komplexität und Bewusstsein zu steigern, findet eine Entsprechung in der individuellen Bewusstseinsentwicklung des Menschen:

Ausgehend von der befruchteten Eizelle wächst in verkürzter Wiederholung der Stammesgeschichte  ein komplexer Organismus im Mutterleib heran, der mit der Geburt in die Außenwelt entlassen wird. Das Baby lebt aus einem organismischen Bewusstsein heraus. Es kennt zunächst keinen Unterschied zwischen sich selbst und der Umwelt und lebt in einem Urzustand der Verschmolzenheit. Erst allmählich lernt es durch Bewusstwerdung sich von der Umwelt zu unterscheiden: eine erste Subjekt-Objekt-Spaltung. Das Körper-Ich löst sich gewissermaßen aus dem rein organismischen Bewusstsein heraus. Es  hat das niedere organismische Bewusstsein transzendiert und im Körper-Ich integriert. Transzendieren und integrieren sind die Schritte der Bewusstseinsentfaltung auf allen Stufen der Evolution. Fortan vermag das das Kleinkind auf Körper und Umwelt einzuwirken,  wird  aber, so wie die  Tiere, weitgehend vom Instinkt geleitet.

Auf einer neuen Stufe, beginnend etwa im 3. Lebensjahr , löst sich aus dem höheren organismischen Bewusstsein die Fähigkeit zur Reflexion heraus.  Das Körper-Ich wird transzendiert und im reflexiven Ich integriert. Letzteres vermag  auf das Körper-Ich mit seinen instinktiven Impulsen einzuwirken, und es lernt  mit Sprache und Begriffen umzugehen.

Ab dem 12. Lebensjahr (oder später) löst sich aus dem reflexiven Bewusstsein die Fähigkeit zur Selbstreflexion heraus. Das reflexive Ich wird transzendiert und im selbstreflexiven Ich integriert Jetzt vermag das Individuum nicht nur über die Umwelt nachzudenken, sondern auch über seine eigene Innenwelt. Es gewinnt Abstand zu seinen  Gedankenvorgängen, hinterfragt  Motive und Gefühle.  Dieser selbstkritische Abstand ermöglicht u.a. eine Korrektur des Verhaltens. Mit der Bewusstwerdung, mit der Objektivierung subjektiver Vorgänge, wird also eine Stufe höherer Reflexions-Intelligenz zugänglich – die Erkenntnis nähert sich dem Sachverhalt an. Es sind die Passungsmängel zwischen subjektiver Erkenntnis und objektivem Sachverhalt, die sowohl für alle kollektiven als auch individuellen Leiden und Missstände verantwortlich sind. Leider wird in unserem Erziehungs- und Bildungssystem die Ausbildung der selbstreflexiven Intelligenz sträflich vernachlässigt. Man fördert  vorwiegend  den Verstand, nicht die Vernunft.

Mithin ist Selbstreflexion ein Nachdenken über eigene Gedanken, Emotionen und Verhalten und das Erschließen von Einsicht und intuitiver Intelligenz. Wird die Selbstreflexion in die reine Reflexion überführt, indem alle Inhalte zurückgelassen werden, berührt man die Quelle der Intelligenz, das transzendentale Bewusstsein. Dies ist der Vorgang der Meditation. Sowohl Reflexion als auch Selbstreflexion werden transzendiert. Was übrigbleibt ist die gedankliche Stille, die reine Selbstreflexion, das Bewusstsein an sich – inneres Wissen, Klarheit und Freude. Durch regelmäßige Erfahrung der STILLE vermag das transzendentale Ich das selbstreflexive Ich und alle anderen Vorgänge zu integrieren und der Mensch beginnt aus seinem höheren Selbst heraus zu leben: integrales Bewusstsein, Erleuchtung. Gegründet in seinem SELBST wird der kommende Mensch im Einklang mit den Naturgesetzen handeln zum Wohle von Mitmensch und Umwelt. Die unbewusste Einheit von Baby und Umwelt wird auf bewusster Stufe wiedergefunden. Abraham Maslow spricht von der „essentiellen Menschlichkeit“.

Vergleiche hierzu die wissenschaftliche Untersuchung von F.Travis et al. (2004): "Psychological and physiological characteristics of a proposed object-referral/self-referral continuum of self-awareness." Consciousness and Cognition, Vol. 13, 401-420.



„Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können.“  William Shakespeare  
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